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10.06.2010 | 

Biodiversität – der Mensch auf Abwegen

Die Explosion der Tiefseeölbohrplattform Deepwater Horizon von BP im Golf von Mexiko, wird schon jetzt als die größte Umweltkatastrophe aller Zeiten gehandelt, obwohl die Auswirkungen noch längst nicht in ihrem vollen Umfang zu erfassen sind. Zugleich führt uns dieses Desaster vor Augen, welche katastrophalen Folgen unser Rohstoff- und Konsumhunger mittlerweile haben kann. Die Schäden für Ökosysteme, die Gesellschaft und die Wirtschaft sind enorm. So wundert es auch nicht, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Statement im Rahmen der SusCon-Konferenz (International Conference on Sustainable Business and Consumption), die vom 15. bis 16. Juni in der NürnbergMesse stattfindet, dafür plädiert, dass wir unser Konsumverhalten in Einklang mit der Stabilität der Ökosysteme bringen müssen.

Ausgangspunkt der Konferenz ist die Erkenntnis, dass das Verhältnis von Rohstoffhunger und dem damit einhergehenden Risiko sich schon lange nicht mehr im Gleichgewicht befinden. Im Mittelpunkt stehen Fragen und Chancen rund um das Thema Biodiversität: Wie verhalten sich „Globaler Rohstoffhunger“ und „Globale Verantwortung“ zueinander? Als Mediapartner möchten wir es nicht versäumen, ein paar grundlegende Gedanken zu der Thematik beizusteuern:

Um die Wichtigkeit des Erhalts von Biodiversität zu unterstreichen, wird in der Öffentlichkeit die biologische Vielfalt gerne als eine Grundvoraussetzung für die Stabilität der weltweiten Ökosysteme gegenüber Störeinflüssen angeführt. De facto gibt es jedoch keine wissenschaftliche Grundlage dafür, die dies mit endgültiger Gewissheit belegen könnte. Biologische Vielfalt sorgt weder für ökologische Stabilität, noch für höhere ökologische Elastizität, die sich darin ausdrückt, dass sogenannte „katastrophale Stresssituationen“ für die Natur nicht eintreten. Ereignisse, wie das Aussterben der Dinosaurier oder die mehrfach auftretenden Eiszeiten, sind nicht das Verschulden menschlichen Handelns. Man kann zudem annehmen, dass die Erde zu dieser Zeit reich an biologischer Vielfalt war. Zu glauben, dass eine biologische Vielfalt als ultimatives Schutzschild vor Katastrophen dienen kann, ist also ein Irrglaube.

Worum es also geht, ist eine funktionale Stabilität – verstanden als Fähigkeit zur „Selbstheilung“ der ökologischen Systeme. Noch scheint die Natur ihre eigenen Mittel zu haben, sich wieder zu stabilisieren und sich in gewisser Weise selbst zu helfen. Aber wie lange noch? Wird der Golf von Mexiko noch diese Fähigkeit besitzen, wenn das Loch auf dem Meeresboden einmal abgedichtet sein wird? Andererseits gibt es in der Geschichte der Erde einige Beispiele dafür, wie die Natur scheinbar einen Resetknopf gedrückt hat, um wieder „von vorne“ anzufangen. Diesen „Neustarts“ fielen verschiedene Gattungen und Spezies zu Opfer. Die Dinosaurier sind vor circa 65 Millionen Jahren einer Naturkatastrophe zum Opfer gefallen. Vom „großen Ganzen“ her betrachtet, waren diese Naturkatastrophen wahrscheinlich reine Reaktionen auf Ungleichgewichte in der Natur. Was wenn die Erde wieder alles auf Null fährt, um neu anfangen zu können? Wir beschleunigen vielleicht einen notwendigen Kreislauf?

Nichtsdestotrotz sollte uns viel daran liegen, Biodiversität zu erhalten und diese mit unserem Verhalten nicht irreparabel zu zerstören. Den Schaden, den wir anrichten, wird die Natur irgendwann nicht mehr „korrigieren“ können beziehungsweise wir werden diesen „Genesungsprozess“ wahrscheinlich nicht mehr erleben. Wie es genau ablaufen wird und wie die Folgen einer zerstörten Biodiversität aussehen werden, können wir nicht sicher vorhersagen. In der Landwirtschaft finden sich aber bereits heute Beispiele, dass Monokulturen – ein Ökosystem mit einer stark reduzierten biologischen Vielfalt – gefährlich sein können: Wirtschaftlich gesehen, sind Monokulturen zwar rentabler, weil sich riesige Felder kosteneffizienter bearbeiten lassen – es sind beispielsweise weniger unterschiedliche Maschinen für die Bestellung der Felder notwendig. Aber biologisch gesehen, sind Monokulturen arm, sie entziehen dem Boden nur einseitig Nährstoffe und laugen ihn damit aus (es muss also mehr Kunstdünger eingesetzt werden). Sie sind zudem anfälliger für Schädlinge und Krankheiten, was den erhöhten Einsatz von Pestiziden notwendig macht. Ist eine Pflanze von einem bestimmten Schädling befallen, dann ist gleich der ganze Bestand gefährdet, weil sich der Schädling viel schneller verbreiten kann. Darüber hinaus werden Schädlinge mit der Zeit gegen das verwendete Spritzmittel immun. Die Folge ist eine artenarme Tierwelt und ein gestörtes Gleichgewicht.

Dass Biodiversität auch aus ökonomischer Sicht wichtig ist, belegt eine Studie von Robert Costanza, der mit ein paar Kollegen den ökonomischen Wert der biologischen Vielfalt berechnet hat. Trotz Kritik aus den Fachwissenschaften vermittelt diese Studie dennoch einen Eindruck, welchen ökonomischen Wert Biodiversität für uns darstellt. Die umgerechnete monetäre Leistung der irdischen Ökosysteme beträgt etwa 30 Billionen Euro pro Jahr, was ein Mehrfaches des weltweit in der Geldwirtschaft erarbeiteten Sozialproduktes ist. Und in Hinblick auf die wirtschaftliche Bedeutung aus Sicht der Umweltökonomie ist unser Ökosystem beispielsweise ein Reservoir von potenziellen Arznei-Wirkstoffen, von Genen für die landwirtschaftliche Sortenzüchtung, für biotechnologische Prozesse oder für bionische Entwicklungen (Bionik: Entschlüsselungen von Erfindungen der belebten Natur; die Bionik ist systematisches Lernen von Natur).

Die Idee, dass eine große Artenvielfalt oder unterschiedliche Zusammensetzung von Gruppen einen positiven Effekt hat, hat auch Harry Markowitz bereits 1952 in einem ganz anderen Gebiet angewandt: in der Finanzwissenschaft. In seiner „Modernen Portfolio-Theorie“ zeigte Markowitz, dass der Gesamtertrag z. B. eines Aktien-Portfolios, in Hinblick auf das Rendite-Risiko-Verhältnis, dadurch optimiert werden kann, indem man eine Diversifikation (Abwechslung) der einzelnen Aktien vornimmt. Man denke aber auch an „Diversity Management“, dass sich aus der sozio-politischen Bewegung in den USA der 1960er Jahre entwickelte – als Zusammenfluss der Frauenrechtbewegung und der Bürgerrechtsbewegung. Als Konzept der Unternehmensführung ist es heutzutage geradezu en vogue: Die Verschiedenheit der Beschäftigten beachten und zum Vorteil aller Beteiligten und der Unternehmung nutzen.

Man kann also nicht bestreiten, dass eine Verschiedenartigkeit der Bestandteile, die das jeweilige System ausmachen, gleichzeitig für dessen Stabilität förderlich ist. Die ersten Konsequenzen einer abnehmenden Biodiversität können wir bereits beobachten. Traurigerweise treffen die Folgen beispielsweise arme Bevölkerungsteile der Erde als erstes, da diese häufig auf die aus der Natur gewonnenen Erzeugnisse angewiesen sind. Und trotzdem lässt unser Handeln die Achtung der biologischen Vielfalt gegenüber vermissen. Wir sind zur Bedrohung von Biodiversität geworden. Wenn vielleicht die ökologischen Folgen nicht für jeden Menschen fassbar sind, so sollte doch zumindest die ökonomische Perspektive aufhorchen lassen.

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